Eine Frau aus Erde an der friesischen Wattenmeerküste
Seit Mai 2026 liegt am Fuße des Wattenmeerdeichs bei Oosterbierum eine Frau aus Erde; der Name bedeutet sinngemäß „starke, eigenwillige Frau am Deich“. Nicht auf einem Sockel. Nicht hinter Glas. Einfach draußen – im Wind, zwischen Feldern, Deich und Himmel. Dijk van een Wijf ist das Landschaftskunstwerk der Künstlerin Nienke Brokke, realisiert von Sense of Place in Zusammenarbeit mit unter anderem der Gemeinde Waadhoeke, Dijkstra Draisma, Cruydt-Hoeck und Menschen aus der Umgebung. Sie ist 65 Meter lang, 11 Meter hoch und aus Erde, Lehm, Sand, Kräutern und Gräsern geformt.
“ „Hier am Deich in Friesland, hier bei Oosterbierum stimmt einfach alles.“ ”
Nienke Brokke, Künstlerin
Warum du sie sehen willst
Du gehst nicht zu „Dijk van een Wijf“, weil dort ein Kunstwerk steht. Du gehst, weil du dort plötzlich anders auf das Land schaust – auf den Deich, der das Wasser zurückhält, auf die Felder, die sich bis zum Horizont ziehen, auf die Waddenzee, nah und doch nicht immer sichtbar. Mitten in dieser offenen Küstenlandschaft liegt ein 65 Meter langer Frauenkörper. Groß, aber nicht laut. Aus der Ferne eine neue Linie im Landschaftsbild, aus der Nähe Erde, Gras, Kräuter, Vögel und Wind. Sie ist nie wirklich „fertig“: Sie wächst, verwittert, blüht und verändert sich mit den Jahreszeiten.
Vom Idee zur Landschaft
Die Idee für „Dijk van een Wijf“ entstand bereits 1997, als Nienke Brokke das Werk als Abschlussprojekt schuf. Viele Jahre lang wartete das Bild auf den richtigen Ort. Gefunden wurde er bei Oosterbierum, wo der alte Slachtedyk und der Waddendijk aufeinandertreffen. Die Umsetzung erforderte das Zusammenspiel von Künstlern, Bauarbeitern, Ökologen, Gärtnern, Behörden und Anwohnern. Lokaler Lehm und Sand bilden die Grundlage; heimische Kräuter und Gräser sorgen heute für eine lebendige Oberfläche. Am 18. Mai 2026 wurde das Kunstwerk offiziell eröffnet und an die Gemeinde Waadhoeke übergeben. Die Maschinen sind verschwunden. Die Erde bleibt. Jetzt übernimmt die Natur.
So liegt sie nun da
Wer jetzt vorbeikommt, sieht ein Kunstwerk, das sich jeden Tag verändert. Manchmal hebt sie sich klar gegen den Himmel ab, manchmal geht sie fast im Land auf. Im Frühling überzieht frisches Grün die Erde, später übernehmen Kräuter und Gräser das Bild. Vom Deich aus erkennt man ihre Größe, vom Land aus wirkt sie selbstverständlich: eine Rundung zwischen Deich und Acker, Ruhe an einem Ort, an dem der Wind nie ganz verschwindet. Auch ihr Standort spielt eine Rolle. „Dijk van een Wijf“ liegt auf einer ehemaligen Deponie, einem erhöhten Stück Land, das der Landschaft zurückgegeben wurde. Kein glattes Postkartenmotiv, sondern ein Ort, an dem etwas neu wachsen darf.
Hör auf die Stimme des Watts
Nimm dir bei deinem Besuch Zeit. Bleib kurz stehen oder setz dich hin und schau, wie sie da liegt: mit dem Rücken zum Deich und dem Gesicht zur Erde. Schalte danach die „Stimme des Watts“ ein, die digitale Hörroute zum Kunstwerk. Die Audioführung nimmt dich mit in Geschichten über Landschaft, Natur, den Ort und das Werk selbst – nicht, um alles zu erklären, sondern um besser zu sehen und zu hören, was Deich, Acker, Land und Meer hier erzählen. Zur Eröffnung haben die Künstler Ruth Ruijgers und Olaf Visser außerdem eine Soundscape geschaffen. Der Wind übernimmt den Rest.
“ “Wy jouwe mei Dijk van een Wijf it lânskip wat ekstra’s, sadat it waadgebiet beleefberrder en noch moaier wurdt.” ”
Jan Dijkstra, Beigeordneter
Sense of Place - Kunst die het landschap opent
„Dijk van een Wijf“ ist Teil von Sense of Place, der kulturellen Entwicklungsorganisation, die seit 2016 entlang der Wattenmeerküste an Kunst- und Designprojekten arbeitet. Nicht, um die Landschaft zu füllen, sondern um sichtbar zu machen, was bereits da ist: den Deich, die Felder, das Wasser, die Geschichte und die Menschen des Ortes. Sie reiht sich ein in Landschaftskunstwerke wie „Broken Jug“ bei Harlingen, „Terp fan de Takomst“ bei Blije und „Wachten op Hoog Water“ bei Holwerd. Gemeinsam laden sie dazu ein, innezuhalten – genau dort beginnt das Sehen.“