Lieuwe Dijkstra
Anjum
Die Möwen kreischen bereits in der Luft, als Lieuwe mit dem Traktor aufs Feld fährt. Wie ist das nur möglich? Irgendwie spüren sie es. Er senkt das Pflugblatt und gibt kräftig Gas.
Schau doch schon mal rein
(Die Audio-Geschichte kann im Medienbereich angehört werden)
Die Möwen kreischen bereits in der Luft, als Lieuwe mit dem Traktor aufs Feld fährt. Wie ist das bloß möglich? Irgendwie spüren sie es. Er senkt das Pflugblatt und gibt kräftig Gas. Sofort tauchen die Möwen hinter dem Traktor in die dunkle, frisch gepflügte Erde ein. Er lacht. „Schaut mal, Jungs, ein Festmahl!“, ruft er.
Der Gespann gleitet mühelos durch die Landschaft. Eine blasse Oktobersonne scheint hinter grauen Wolken hervor. Lieuwe dreht am Radio und summt zu einem alten Evergreen mit. Er ist entspannt, denn der größte Trubel ist vorbei. Die Kartoffeln und Zwiebeln liegen in der Scheune, und die Rüben müssen erst im Dezember aus dem Boden geholt werden. Und außerdem: In ein paar Tagen brechen sie zu ihrer Rundreise durch Kanada auf. Er freut sich darauf, mal etwas anderes im Kopf zu haben. Zeit mit seiner Frau zu verbringen. Ein anderes Land zu erkunden. Wie würde die Landwirtschaft dort wohl aussehen?
Lieuwe fährt auf Autopilot zu Yme, der eventuell die Arbeit auf dem Hof übernimmt, wenn er später mal kurz weg ist. Yme steht in seinem gepflegten Pullover am Telefon; heute erledigt er auch noch ein paar Versicherungsangelegenheiten. Sie grüßen sich nicht, dafür sehen sie sich zu oft. Wie oft telefonieren sie eigentlich? Jeden Tag doch mindestens ein paar Mal.
In der Scheune füllt Lieuwe den Traktor auf. Gemeinsam kaufen sie den Diesel ein. Ein Gefühl der Dankbarkeit überkommt ihn. „Wir haben auch so etwas wie eine Ehe“, erzählte er gestern jemandem. Nachdem er und Yme sich vor zwanzig Jahren bei einer Erzeugergemeinschaft kennengelernt hatten, entwickelte sich ihre Zusammenarbeit nach und nach weiter. Sie bewirtschaften das gesamte Land gemeinsam, und alle landwirtschaftlichen Fahrzeuge sind gemeinsames Eigentum. Finanziell bringt das Vorteile. Außerdem verstehen sie sich wie kein anderer. Ja, diese Verbindung ist Lieuwe Gold wert. Die kleinen und vor allem die großen Entscheidungen nicht allein treffen zu müssen: Das schenkt ihm Seelenfrieden.
Als er auf seinen eigenen Hof zurückkehrt, stehen Radfahrer aus dem Dorf vor dem Bauernhof und schauen zu. Ihr Blick fällt auf den ersten gemauerten Stein des Bauernhofs, einen Giebelstein. „Gehört der zur Familie Lieuwe?“, fragen sie. Er wird oft gefragt, in welcher Generation er schon Landwirt ist. Ein zwiespältiges Gefühl überkommt ihn. Der Verbraucher, der einerseits das Bauernleben romantisiert und sich andererseits für die billigsten Produkte entscheidet. Und einen Nachfolger hat er nicht. „Ja, ich bin Landwirt in der fünften Generation, aber was nützt mir das?“, möchte er sagen, doch er schluckt die Worte hinunter.
Der Mitarbeiter der HZPC fährt vor. Gemeinsam sehen sie sich den Anbauplan für das nächste Jahr an. Lieuwe möchte ein paar neue Sorten ausprobieren. Bei einer ist er sich unsicher. Kurz Yme anrufen. „Yme, was meinst du?“
(Hören Sie sich die Audioerzählung neben dem Foto an)
Diese Geschichte ist Teil der Route „Bildtstars und Eigenheimers“ von Sense of Place