"Ein unvergesslicher Roadtrip"

Für einen unvergesslichen Roadtrip muss man gar nicht so weit fahren. Ich stellte meine eigene Route durch den Nordwesten der Provinz Friesland zusammen und besuchte in drei Tagen die schönsten Orte dieser Region. Meine Route führte mich an Städten, Landgüter, Warften und Salzwiesen entlang.


Lesezeit: ca. 15 Minuten

Zwei Städte

Mein Roadtrip beginnt in der lebhaften Hafenstadt Harlingen. Zwischen den beiden Häfen liegt die gemütliche Altstadt. Die Malereien auf den Fassaden der Häuser verweisen auf Unternehmen aus früheren Zeiten. Die Inhaberin des früheren Lebensmittelgeschäftes De Sperwer erzählt mir, dass manche dieser Malereien auch als Werbung für Unternehmen an anderen Stellen der Stadt dienten. Es sind Plakatwänder aus alten Zeiten. An den Kais lese ich die Namen alter Lagerhäuser, die nach fernen Ländern wie Sumatra oder Polen benannt sind. In einem der Häfen liegt eine Replikation des Expeditionsschiffes von Willem Barentsz. Ein Dreimaster mit bunten Details und einem gemalten Schwan auf dem Heckspiegel. Hier zwischen den alten Gebäuden und Schiffen kann man sich leicht vorstellen, wie es früher aussah, als die Kaufleute zur See fuhren.

Auch die Stadt Franeker hat eine wunderschöne Altstadt. Gegenüber dem mit aufwendigen Details verzierten Rathaus steht ein einfaches Wohnhaus, in dem sich ein ganz außergewöhnlicher Raum befindet. Hier wurde im Jahr 1744 Eise Eisinga geboren. Eise war ein schlauer Junge, konnte aber nicht studieren, weil er bei seinem Vater als Wollkämmer arbeiten musste.  In seiner Freizeit verschlang er Bücher und mit siebzehn Jahren brachte er sein erstes Buch über Astrologie heraus. Als erwachsener Mann baute er unter der Wohnzimmerdecke des Hauses, in dem er mit seiner Familie wohnte, ein Planetarium. Mithilfe hölzerner Zahnräder und handgemachter Nägel gelang es ihm, die Planeten unter der Zimmerdecke mit der entsprechenden Geschwindigkeit um die Sonne drehen zu lassen. Seine Berechnungen stimmten so exakt, dass sich die Planeten noch heute, mehr als zweihundert Jahre später, noch wahrheitsgetreu um die Sonne drehen. Ich sitze unter der blauen Zimmerdecke und staune darüber, wie jemand ohne moderne Technologie ein so exaktes Kunstwerk hat bauen können.

Wohnen auf Warften

Die ersten Bewohner ließen sich um 600 v. Chr. im Norden Frieslands nieder. Zu dieser Zeit gab es hier noch keine Deiche und das Meer strömte viel weiter ins Landesinnere hinein als heute der Fall ist. Die ersten Bewohner ließen sich auf den Wällen entlang der Salzwiesen nieder. Der Meeresspiegel stieg allmählich an und die Wohnhügel wurden nach und nach mit Lehm, Dung und Haushaltsabfällen erhöht. So entstanden die ersten Warften. Um das Jahr 1000 n. Chr. wurden die ersten Deiche gebaut. Dadurch wurde das Land nicht mehr überflutet und die Warften wurden überflüssig. Viele Warftenbewohner verkauften die fruchtbare Erde ihrer Warften als Düngemittel für ärmere Landbauflächen. Aus diesem Grund sind die meisten Warften inzwischen verschwunden oder nur noch an den Stellen erhalten geblieben, wo eine Kirche darauf stand. Rund um die höchste Warft der Niederlande, in Hegebeintum auf einer Höhe von 8,8 Metern, sind die Folgen dieser Abgrabung gut zusehen: die Kirche liegt viele Meter höher als der Rest des Dorfes.

Ich fahre an mehreren auffälligen Warftendörfern, wie Hallum, Ginnum und Firdgum vorbei. In der früheren Dorfschule von Firdgum richtete der Landwirt Yeb Hettinga 2001 ein Museum ein. Nach dem Umpflügen seiner Ackerflächen machte er sich mit einem Metalldetektor auf den Weg und fand dabei Jahrhunderte alte Schmuckstücke, Knöpfe, Gürtelschnallen und Münzen. Vor dem Museum steht die Rekonstruktion eines sogenannten „Zodenhuis“, diese Art von Häusern stand vom vierten bis zum achten Jahrhundert in Friesland. Am Herdfeuer, umgeben von Werkzeugen und Wänden aus aufgestapelten Lehmplaggen, wähne ich mich in die Vergangenheit zurückversetzt.

Die mittelalterlichen Bewohner dieser Dörfer erbauten steinerne Türme auf ihren Warften, von denen aus sie ihre Dörfer verteidigen konnten. Viele dieser sogenannten ‘Stinsen’ wurden in den darauffolgenden Jahrhunderten zu prunkvollen Gutshäusern, den sogenannten ‘Staten’, weiter entwickelt. Mein Roadtrip führt mich entlang einiger dieser ‘Friesischen Schlösser’. So spaziere ich durch den herbstfarbenen Baumtunnel von Dekemastate und bewundere die gewundenen Pfade im Landschaftspark von Martenastate.

Friesland Deichvorland

Im Deichvorland bekommt man einen guten Eindruck davon, wie die friesische Landschaft um 1000 n.Chr. ausgesehen hat. Auf den Salzwiesen grast das Vieh und am Horizont glänzt die Nordsee im Sonnenlicht. Hier weht ein kalter, starker Wind. Ab und zu wird die Stille durch den Ruf eines Großen Brachvogels oder durch den Lärm einer schnatternd auffliegenden Gänseschar unterbrochen. Außerhalb der Brutsaison darf man frei über die Flächen im Deichvorland streunen und das tue ich auch eingehend. Kilometerweit laufe ich über den feuchten Boden am Priel entlang bis zur Wasserlinie. Die Vegetation verändert sich während ich mich dem Meer nähere. Der Queller an der Wasserlinie färbt sich im Herbst leuchtend rot. Im Priel läuft eine Krabbe herum und gegenüber kann ich den Leuchtturm einer Watteninsel erkennen.

Die Flächen im Deichvorland werden bei einer Sturmflut noch regelmäßig überflutet. Während der Sturmflut Ende Oktober 2006 wurde das Land hier sehr schnell überflutet. Nicht alle Tiere konnten rechtzeitig evakuiert werden und eine Herde von zweihundert Pferden flüchtete sich auf eine ‘Dobbe‘ (ein kleiner See umgeben von einem höher liegenden Rand). Sie waren nur wenige hundert Meter vom rettenden Deich entfernt, aber wagten sich nicht in das Wasser. Tagelang bestand das Risiko, dass die Tiere im kalten Wasser unterkühlt werden könnten. Sechs örtliche Reiterinnen und ihre Pferde machten weltweit Schlagzeilen, als Sie sich in das Wasser wagten, um die ‘Dobbe-Pferde’ erfolgreich mit sich zurück zu locken. Heute steht in der Ozingadobbe ein großes Fotokunstwerk zu Ehren der Retter und auch als Mahnmal, dass wir den Kampf gegen das Wasser nie ganz gewonnen haben.

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Tipps!

Tipps für das ultimative Roadtrip-Gefühl

  • Mietet euch für eure Reise einen Oldtimer oder ein Wohnmobil.
  • Für unterwegs solltet ihr euch eine besondere Roadtrip Playlist herunterladen.
  • Feste Schuhe, die schmutzig werden dürfen, sollten bei der Wanderung im Deichvorland auf keinen Fall fehlen.
  • Auch Fernglas und Vogelführer nicht vergessen.
  • Am späten Abend könnt ihr hier den Sternenhimmel ansehen, von dem Eise Eisinga so fasziniert war.

Die besten Fotospots entlang der Route

  1. Die Kirche von Hegebeintum auf der höchsten Warft der Niederlande.
  2. Die monumentalen Gebäude in den Stadtzentren von Harlingen und Franeker.
  3. Die Mühle am Hafen von Birdaard.
  4. Der herbstlich rote Queller im Naturgebiet vor dem Deich in Nähe des Kweldercentrum bei Hallum.
  5. Die Gutshäuser (‘Staten‘) und ihre Landschaftsgärten.

Gute Playlists für euren Roadtrip

Euer Roadtrip ist nicht komplett ohne angenehme Musik im Hintergrund. Hier findet ihr meine Lieblings-Roadtrip-Playlists auf Spotify:

Dieser Artikel wurde durch das Interreg Va-Programm Wadden Agenda 2.0 ermöglicht.